Mit dem Rad durch Schottland

  1. Woche

Schottland ist ein wunderschönes Reiseland. Vor allem mit dem Fahrrad. Wenn man mal von den engen Straßen, den fehlenden Radwegen, dem Regen, den vielen Höhenmetern und den vielen Schafen auf der Straße absieht. Oder ist es vielleicht gerade deswegen ein reizvolles Ziel mit dem Fahrrad?

Bei meinem ersten Besuch in Schottland 2013 mit dem Auto sah ich am Schiffsanleger in Ijmuiden (von wo aus die Fähre über Nacht bis nach Newcastle fährt) einige Tourenradler stehen. Ob sie nach Schottland wollten, weiß ich nicht. Aber als ich dann wenige Tage drauf die wunderschöne Natur in Schottland sah, wusste ich, dass ich eines Tages dort am DFDS-Anleger stehen würde, um mit dem Fahrrad Schottland zu bereisen. Intensiver als dies mit dem Auto möglich wäre. 2017 ist es dann endlich so weit. Die Tour sollte kein Kurztrip werden, sie führte mich über 3000 km und 5 Wochen kreuz und quer durch Schottland. Dementsprechend musste auch die Planung der Ausrüstung sein. Mit dem Zug ging es schließlich bis Amsterdam und von dort auf die erste Etappe (30 Kilometer) bis zur Küste nach Ijmuiden. Die Überfahrt nach Newcastle ist immer wieder schön. Man hat eine Kabine (ich wurde sogar von einer Innenkabine zu einer Außenkabine upgegraded), es gibt ein großes Buffet (welches man natürlich extra buchen muss) und der Blick von der Sky Bar hinaus aufs Meer mit einem Bier in der Hand ist immer wieder schön.

In NewCastle kommen wir morgens um 10 Uhr Ortszeit an. Die Fahrräder stehen im hinteren Teil des Autodecks, wir sind daher die letzten, die von Bord gehen können. Passkontrolle, los geht’s. Mein Weg führt mich zuerst auf den Nordseeküstenradweg, der den Hafen in Southbridge bei Newcastle kreuzt. 15 Kilometer fahre ich an der Küste entlang, dann biege ich ins Landesinnere ab. Noch bin ich in England. Das wird auch heute so bleiben. Mein Ziel heute ist ein kleiner Campingplatz im Northcumberland National Park kurz vor der „Border“, der englisch-schottischen Grenze. Die ländliche Gegend in Nordengland ist schön, aber noch nicht das, was ich sehen wollte. 😉 Daher nutze ich den Tag, um mich an das Linksfahren und die Roundabouts (die Kreisverkehre) zu gewöhnen. Überrascht bin ich von der Rücksicht der Autofahrer. Radwege habe ich kaum, speziell nicht an den Straßen. Aber sie halten immer viel Abstand zu mir. Abends, nach 95 Kilometern komme ich schließlich am Campingplatz an, baue mein Zelt auf, trockne meine Klamotten (es hat, wen wundert es, heute öfters geregnet), telefoniere kurz mit zu Hause und gehe schlafen.

Am nächsten Tag starte ich ohne Frühstück. Gefrühstückt wird in 15 Kilometern an der „Carter’s Bar“, einer Imbissbude am Border-Parkplatz. Die Grenze schneidet meine Straße an der Spitze eines Berges, ich muss also hoch. Oft schiebe ich. Zwei Wochen später wird mir das nicht mehr passieren. Je länger die Tour dauert, desto fitter werde ich. An der Carter’s Bar mache ich halt, genieße eine Burger und eine Coke, während ich darauf hoffe, dass der schottische Dudelsackspieler, der neben dem Grenzstein steht und Andenken verkauft, aus seinem Auto aussteigt und in den Dudelsack bläst. Macht er aber nicht. Erst als 20 Minuten später ein Bus mit asiatischen Touristen anhält, rappelt er sich auf. Die Touristen haben aber erst einmal nur ein Auge für mich, fragen nach meiner Route, lassen sich mit mir fotografieren. Als ich kurz darauf den Berg hinab in Richtung Jedburgh rolle überholen sie mich mit ihrem Bus und sitzen anfeuernd hinter den Fenstern.

Mein Weg heute führt mich durch die Scottish Borders (so heißt diese Gegend) auf Edinburgh zu. Ich passiere Jedburgh mit seiner alten Augustinerkloster und kreuze hier wieder den Nordseeküstenradweg. Von dort geht es weiter über Seitenstraßen nach Melrose und Galashiels am Tweed. In Galashiels sehe ich einen Zug, der nach Edinburgh fährt. Ich muss kurz mit mir kämpfen, entscheide mich dann aber dazu, durchzuziehen. Immerhin bin ich zum Radfahren hier. Nicht zum Zugfahren. Auf die Eisenbahnschiene treffe ich kurz danach noch einmal, als meine Navi (ich nutze auf meinem Smartphone die komoot-app) meint, ich solle mein Fahrrad eine Brücke über die Schienen hochtragen. Nein. Abgelehnt. Ich fahre lieber einen Umweg. Gut 50 Kilometer bis zum Campingplatz bei Edinburgh liegen noch vor mir. Ich fahre teilweise auf der A7 entlang, teilweise auf einer Nebenstrecke. Zum Glück steht das „A“ in Great Britain nicht für „Autobahn“. Aber schnell sind die Autos hier schon. Einen großen Seitenstreifen habe ich auch nicht. Rücksicht nehmen die Autofahrer aber. Wie gewohnt. Schließlich erreiche ich Abends die Vororte von Edinburgh. Gegen 20 Uhr komme ich auf dem Campinplatz an, baue mein Zelt auf, gehe duschen. Als ich dann noch im Campingplatz-Restaurant was essen möchte, heißt es. Die Küche ist schon zu. Schade. Dann besteht das Abendessen aus Brötchen, belegt mit Schokoriegeln.

Am nächsten Morgen mache ich eine kurze Runde durch Edinburgh – Sightseeing auf dem Fahrrad. Es ist voll, ich kann mein Rad nirgendwo stehen lassen, die Straße besteht aus sehr grobem Kopfsteinpflaster. Daher folge ich schon bald dem River Leight aus der Innenstadt heraus. Der Weg am Fluß entlang, unterhalb der Häuser, ist wie ein kleines Paradies in der hektischen Touristenstadt. Er führt mich bis zum Hafen. Von dort fahre ich Forth of Firth entlang ostwärts. Nach wenigen Kilometern wechsle ich über die Forth-Bridge ans Nordufer und folge dort dem Forth weiter ins Hinterland. Am Ende des Forth of Firth befindet sich Stirling. Dort lege ich heute leider eine Zwangspause ein, da mir die Aufhängungen meiner Lowrider am Vorderrad reißen und meine Frontroller auf dem Weg liegen bleiben. Am folgenden Tag werde ich in einem Fahrradladen in Stirling mit neuen Aufhängungen versorgt und es geht eine kurze Strecke weiter in die Trossachs hinein, einem stark bewaldeten Tal nordwestlich von Stirling. Die Wege sind manchmal eher schmale Wanderwege, aber es fährt sich wunderschön. Außerdem rühmt sich Callander (wo ich hindurch fahre) damit, eines der „Tore in die Highlands“ zu sein – und wenige Kilometer hinter Callander überquere ich auch die offizielle Grenze zwischen den schottischen Lowlands und den schottischen Highlands. Nach einer Nacht im nebligen, feuchten Strathyre geht es weiter am Loch Tay und an Aberfeldy entlang bis zur netten, kleinen Touristenhochburg Pitlochry. Der von mir angepeilte Campingplatz bei Pitlochry nimmt mich nicht auf. In der Hochsaison müsste ich mindestens 3 Nächte bleiben. So fahre ich weiter bis zum Loch Tummel, dort gibt es den Queens View Campingplatz. Vorher halte ich noch am Queens View – Aussichtspunkt an und genieße den Blick über das Loch Tummel. Auch der Campingplatz (obwohl ansonsten sehr spartanisch) bietet mir einen schönen Blick aufs Loch Tummel.

Am nächsten Morgen geht es weiter gen Westen – in eine Sackgasse. Entlang am Loch Rannoch erreiche ich nach 4 Stunden Fahrt gegen Mittag Rannoch Station, eine Eisenbahnstation im Nirgendwo. Weiter westlich liegt das Rannoch Moor, eine der verlassensten Gegenden Schottlands. Der Bahnhof Rannoch Station liegt an der Eisenbahnstrecke Glasgow – Fort William, und bis kurz vor Fort William fahre ich wenig später wie geplant mit der nächsten Bahn weiter. In Spear Bridge am Great Glen gelegen steige ich aus und folge dem Great Glen und dem Caledonian Canal bis nach Fort Augustus am Loch Ness.

Weiter geht es von dort am nächsten Tag. Ich folge nicht der am Nordwest-Ufer gelegenen Hauptroute, sondern kämpfe mich an der abgelegeneren Südost-Strecke auf 360 Meter Höhe hoch zum Loch Tarff, welches oberhalb vom Loch Ness liegt. Bei der Abfahrt Richtung Inverness halte ich an den Foyer Falls. Diese liegen im Tal unterhalb der Straße. Das voll bepackte Fahrrad lasse ich abgeschlossen an einem Café stehen – es ist hinterher auch noch alles da. Von dort aus folge ich dem Loch Ness. Bisher kannte ich nur die Nord-West-Seite und war nicht so begeistert vom Loch Ness. Die Süd-Ost-Seite gefällt mir da doch wesentlich besser. Am River Ness entlang gelange ich nach Inverness. Dort halte ich mich einige Zeit auf. Ich mache Mittag, schiebe mein Fahrrad durch die Fußgängerzone, bleibe oft stehen. Schließlich muss ich aber weiter, denn ich habe noch etwa 40 Kilometer am Beauly Firth und „über Land“ bis nach Contin. Dort wartet ein kleiner, gemütlicher Campingplatz am „Black Water“ auf mich. Auf dem Campingplatz treffe ich ein Renter-Ehepaar aus Deutschland und es wird ein gemütlicher Abend mit einigen Flaschen kühlem Arran Bier.

Die letzten Tage hatte ich mit dem Wetter viel Glück gehabt. Während es in Deutschland bei kühlen Temperaturen gestürmt hat, hatte ich Sonnenschein und 25 Grad. Das sollte nun anders werden. Mein Weg heute führte mich quer durchs Land. Es ging von der Ostküste (Inverness) an den Rogie Falls, dem Loch Glascarnoch und dem Corrishalloch Gorge National Nature Centre entlang zur Westküste nach Ullapool. Das Wetter zeigte sich von seiner besten schottischen Seite. Es regnete in Strömen. Waagerecht. An einem „Inn“ kurz vorm Loch Glascarnoch möchte ich Halt machen und mich trocknen und aufwärmen. Leider bin ich 4 Stunden zu früh – das „Inn“ hat noch geschlossen. Also weiter. Die Laune und die Schönheit der Gegend lasse ich mir aber trotzdem nicht verderben. (Wie sagte mal eine Kollegin von mir: „Schottland ist bei jedem Wetter schön.“) In Ullapool, dem Tor zu den Äußeren Hebriden, stocke ich meine Vorräte wieder auf. Dann entscheide ich mich spontan, nicht auf den Campingplatz zu fahren, der am Ortsrand von Ullapool liegt. Stattdessen fahre ich noch ein wenig die Küste hoch – und werde von der Bucht, in der der Campingplatz liegt, für die Strapazen des Tages belohnt. Dort treffe ich ein Ehepaar mit ihren Kindern. Sie erzählen mir, dass sie vor 25 Jahren schon einmal als Rucksacktouristen in Schottland waren (ohne Kinder), als hier noch viel weniger touristisch erschlossen gewesen sei. Seitdem hat sich viel für Wanderer und Campingtouristen getan.

  1. Woche

Mein Weg führt mich ab nun die Westküste hinab. An der wundervoll hügeligen und daher mit vielen Höhenmetern versehenen Küste geht es zuerst bis nach Gairloch. Dieses kleine Dorf gegenüber der Nordküste von Skye bietet einem bei gutem Wetter einen schönen Blick aufs Quiraing-Massiv. Als ich nach 120 Kilometern Tagesetappe dort ankomme, liegt Skye aber im Nebel. Wie fast immer. Dafür hatte ich auf dem Weg nach Gairloch oft Glück gehabt. Sicherlich hat es immer mal wieder geregnet, aber ein Dauerregen wie am Tag zuvor blieb aus. So hatte ich genug Zeit und Lust, um auch mal am Strand stehen zu bleiben und in die Bucht zu schauen.

Der nächste Tag ist wieder nicht so nett zu mir. Mein Ziel heute ist Applecross auf der Applecross Peninsula. Applecross ist ein kleines Dörfchen und liegt sehr abgelegen. Bis vor wenigen Jahrzehnten konnte man Applecross praktisch nur mit dem Schiff oder über einen schlecht befahrbaren Feldweg erreichen. Heute gibt es zwei Straßen dort hin. Die Küstenroute an der Nord- und Westküste der Halbinsel, sowie ein Pass, der über die Berge führt. Nachdem mich mein Weg mich zuerst am Loch Maree vorbei nach Kinlochleven ins schottische Inland führt, erreiche ich am sehr späten Nachmittag wie geplant die Küstenstraße. Bisher hielt sich der Regen in Grenzen, aber auf den 30 Kilometern Küstenstraße schlägt das Wetter mit voller Wucht zu. Ich beneide die Schafe, die sich unter einen Felsvorsprung ducken können. Immer wieder kommen Autofahrer an mir vorbei und zeigen mir – nein, keinen Vogel (könnte ich auch verstehen 😉) sondern einen hoch erhobenen Daumen. So motiviert öffnet sich schließlich die Bucht vor Applecross vor mir, ich sehe die charakterische Häuserzeile am Ufer, der Regen lässt auch nach und ich erreiche Applecross und den dortigen Campingplatz. Die Rezeption hat schon zu – das stört aber in Schottland üblicherweise nicht. Bezahlen kann ich am nächsten Tag. Dieser Tag endet mit einer warmen Dusche und einem leckeren Bier im gemütlichen Applecross Inn am Ufer. Auf dem Rückweg zum Campingplatz treffe ich noch auf eine Gruppe schmatzender, stattlicher Hirsche, die am Wegesrand stehen und grasen.

Am nächsten Morgen nutze ich die Infrastruktur des Campingplatzes und trockne mein Zelt gut durch. (Es gibt dort einen Heißlüfter-Raum.) Anschließend wartet die wahrscheinlich anstrengendste Etappe der Tour auf mich: der 626 Meter hohe Bealach na Ba. Dabei handelt es sich um die Passstraße, die nach Applecross führt. Sie ist eine der wenigen Straßen in den Highlands, die aus praktischen Gründen (um die Steigung möglich zu machen) in Haarnadelkurven den Berg hochführt. Teilweise gibt es bis zu 20% Steigung – dies allerdings zum Glück auf der Seite, die ich bergab fahren will. 😉 Für die gut 10 Kilometer bis auf die Passhöhe habe ich mit 2 Stunden kalkuliert. Ich habe gar nicht den Anspruch, die Strecke komplett hochzufahren. Ca. sieben Kilometer lege ich im Sattel zurück. Netterweise bekomme ich dabei Unterstützung vom Wind, der von der Küste her drückt und mich den Berg hochschiebt. Die Abfahrt ist einfacher. Schwierig ist die Koordination auf der engen Single Road eher für die Autos und die Motorräder. Am Abend erreiche ich nach nur 60 Kilometern und aufgrund mehrerer Regenfälle wieder stark durchnässt Dornie am Loch Duich. Dornie ist bekannt durch das Eilean Donan Castle – ich freue mich aber mehr auf die Pizza. Denn bei Dornie gibt es eine Bäckerei, die von deutschen Auswanderern gegründet wurde und inzwischen um eine Pizzeria erweitert wurde: Manuela’s Wee Bakery. Absolut empfehlenswert.

Nach dem anstrengenden Vortag peile ich am nächsten Tag Fort Williams an. Die Fahrt dorthin führt mich durch die Highlands und bietet mir immer wieder jede Menge schöner Ausblicke und interessante Treffen mit den Bewohnern der Highlands. Übernachtet wird auf einem Campingplatz am Fuße von Schottlands höchstem Berg – dem Ben Nevis. Sehen kann ich ihn leider nicht. Es ist mal wieder stark bewölkt.

Auf dem Weg nach Fort Williams beschließe ich, dass ich vom Regen und dem Zelten beim Regen erst einmal genug habe. Daher ändere ich meine Tourplanung etwas und fahre von Fort William aus ohne einen Abstecher über die Insel Mull nach Oban. Oban, ein Hafenstädtchen, liegt schön in einer Bucht zwischen Fort William und Kyntire am Ausläufer des Loch Linnhe. Dort kann ich für 2 Nächte ein Bett in einem Backpackers bekommen. Ich genieße den Abend in der Stadt am Hafen. Am nächsten Tag fahre ich mit einer Fähre rüber zur Insel Mull. Da ich abends wieder in Oban bin, erkunde ich mit leichtem Gepäck einen Teil der Insel. Etwa 80 Kilometer ist die Runde lang. Schon nach wenigen Kilometern unterbreche ich die Tour und schaue mir (entgegen meines üblichen Vorgehens) einmal das Innere eines kleinen Castles an.

Ansonsten treffe ich auf Mull wieder jede Menge Schafe am Wegesrand und genieße den ruhigen Tag in einer schönen schottischen Umgebung. Ich zwinge mich dazu, mich nicht unter Zeitdruck zu setzen, sondern den Tag gemütlich angehen zu lassen. Die beiden Highlights auf Mull (die Insel Iona und den Ort Tobermory) hebe ich mir für die Zukunft auf. Ich bin bestimmt nicht zum letzten Mal auf Mull.

 

  1. Woche

Am darauffolgenden Tag habe ich mehr Zeitdruck. Um 17:30 fährt in der Hafensiedlung Tayvallich (etwa 100 Kilometer südlich von Oban) eine kleine Personenfähre ab. Diese soll mich nach Jura bringen. Daher fahre ich früh in Oban los. Ich passiere mehrere kleine Siedlungen auf meinem Weg am Loch Awe entlang. Mit Einkaufsmöglichkeiten habe ich nicht gerechnet. Umso überraschter bin ich, als ich in Dalavich, einer sehr kleinen Holzfällersiedlung, über einen Laden stolpere. Ich halte an und esse mir dort erst einmal ein Eis.

Rechtzeitig erreiche ich Tayvallich. Während ich am Ufer stehe und warte legt eine kleine Nussschale von Boot an. Ich bin etwas verwundert. Ja, das ist die Personenfähre. Wir verstauen mein Gepäck im Boot und binden mein Fahrrad im Heck an. Immer wieder schaue ich auf der Fahrt ängstlich nach hinten, denn mit hoher Geschwindigkeit und entsprechenden Schlägen der Wellen gegen den Rumpf rast das Boot gen Jura. In Craighouse auf Jura entlässt mich das Boot an Land, auf der Wiese des einzigen Hotels auf Jura stelle ich mein Zelt auf. Für Campinggäste gibt es außerdem einen schönen Sanitärbereich. Abends geht es noch in den Pub im Hotel.

Der nächste Tag führt mich mit wenig gefahrenen Kilometern von Jura nach Islay. Anstatt Fahrrad zu fahren besuche ich dort die Laphroig Destillery im Süden von Islay. Die Insel an sich ist zwar schön, aber eher unspektakulär. Abends nächtige ich auf einem nahe Port Ellen gelegenen Campingplatz, denn von diesem Hafenörtchen geht es am kommenden Tag mit einer CalMac-Fähre wieder rüber aufs schottische Festland. Mein Ziel ist Kennecraig auf Kintyre.

An Bord der Fähre frühstücke ich ausnahmsweise mal. Am heutigen Tag lege ich 130 Kilometer zurück, da ist das nötig. Über Tarbert, Lochgilphead und Inverary führt mich mein Weg zurück nach Oban. Es ist weniger eine Fahrt der Schönheit der Gegend wegen als mehr eine „Transitstrecke“. Ich will halt irgendwie nach Oban zurück. Aber dennoch entdecke ich auch hier wieder viele schöne und interessante Ecken. Speziell Inverary macht ein wenig Eindruck, ist der Ort doch die Heimat der wahrscheinlich besten Pipeband der Welt. Hinter Inverary fahre ich nach einem 300-Meter Anstieg und Abstieg an dem schön auf einer Landzunge gelegenen Kilchurn Castle vorbei. Es wäre auch wieder einen Stopp wert. Hier abseits der Städte würde ich es auch wagen, mein vollbepacktes Rad stehen zu lassen. (Wobei ich damit in Schottland auch so sehr gute Erfahrungen gemacht habe.) Aber meine Zeitplanung ist heute recht eng gesteckt, so dass dieses Mal leider keine Zeit für den Besuch des Castles bleibt. Der Besuch wird aber nachgeholt.

Auf dem weiteren Weg nach Oban holt mich das schlechte Wetter wieder einmal ein. Ich werde noch mehrmals nass, bevor ich bei trockenem Wetter als „Late Arrival“ den Campingplatz bei Oban erreiche. Wie es sich gehört gibt es Hinweise für Late Arrivals. Ich befolge sie, stelle mein Zelt auf und lasse den Tag ausklingen. Gerne hätte ich wieder in dem Backpacker übernachtet, aber dort war heute leider kein Bett mehr frei. Sie waren allerdings so nett, meine Powerbanks über Nacht wieder aufzuladen.

Am nächsten Tag muss ich mich entscheiden. Fahre ich wie mal ursprünglich geplant mit der Fähre von Oban aus zu den Äußeren Hebriden, um dann von Norden aus mit der Fähre am Mittwoch Skye zu erreichen? Oder fahre ich über Mull und Mallaig nach Skye und habe dort ein paar Tage Zeit.

Ich entscheide mich für die Mull/Mallaig/Skye-Route. Sie ist weniger zeitkritisch – und im Nachhinein beglückwünsche ich mich zu dieser Entscheidung. Dazu aber später mehr. Erst einmal führt mich der Weg nun von Oban aus mit der Fähre nach Mull und dort ganz spontan nach wenigen Kilometern wieder mit einer Fähre von Mull herunter. Ich folge spontan einer Route, die mir bei meinem Besuch auf Mull vor einigen Tagen empfohlen wurde. Auf der Strecke Lochaline – Strontian – Salen gibt es wieder einige Höhenmeter auf ruhigen, nur leicht befahrenen Single Roads zu bewältigen.

Während ich die Höhenmeter bezwinge, bemerke ich, wie meine Pedale wackeln. Eine kurze Telefonkonferenz mit zu Hause und einem Fahrradladen in Paderborn ergibt: das Innenlager könnte ausgeschlagen sein. Mir wird empfohlen, schnellstmöglich eine Werkstatt aufzusuchen und bis dahin die Pedale regelmäßig festzuschrauben. Fort William wäre in erreichbarer Nähe, aber morgen ist Sonntag – da würde eh niemand meine Pedale reparieren. Also entscheide ich mich dafür, sie immer wieder anzuschrauben und nach Skye weiterzufahren. Dort werde ich bestimmt eine Fahrradwerkstatt finden. So erreiche ich das Loch Sunnart, an dessen Ufer Strontian und Salen liegen. Kurz vor Salen passiert es: mir reißen wieder die Halterungen der Lowrider. „Hey, warum auch nicht. Der Tag wird eh gestrichen, dann kann es sich auch lohnen“, denke ich mir. Ein Radfahrerpärchen hält neben mir, fragt ob ich Hilfe brauche und empfiehlt mir einen Campingplatz in wenigen Kilometern Entfernung. Eigentlich wollte ich heute weiterkommen, aber ich habe keinen Bock mehr. Der Tag ist für mich gelaufen und ich steuere den Campingplatz an. Nach einer Dusche, einem guten Abendessen und etwas Maintenance am Abend geht es mir auch schon wieder besser. Förderlich für die Stimmung ist auch sicherlich der Mond, der hell und klar über dem Loch Sunnart leuchtet.

Am nächsten Tag habe ich die Probleme des Vortages schon wieder vergessen. Munter steige ich aufs Rad, Mallaig in 65 Kilometern Entfernung ist mein Ziel. Mallaig ist die Endstation der West Highland Railway und ist über dieser Bahnstrecke (die ich immer wieder kreuze) mit Fort Williams und Glasgow verbunden. Außerdem ist Mallaig das Ziel der „Road to the Isle“ und Fährhafen hinüber zur „Insel im Nebel“. Da möchte ich heute hin. Die Fahrt bis Mallaig ist wieder eindrucksvoll, aber auch ereignislos. Das Wetter ist soweit gut, die Straße ist gut zu befahren. Auch als ich die Road to the Isle erreiche (eine der beiden Verbindungen nach Skye) wird es nicht unangenehm. Dennoch habe ich nichts dagegen, dass der Radweg nach Mallaig (er ist sogar als solcher ausgeschildert) bei Zeiten die Hauptstraße verlässt und mich an der schönen Küste langführt. Ich erreiche die Fähre, bekomme wie immer einen Platz (es hieß, man solle die Plätze reservieren, das habe ich aber nie gemacht) und Ruhe mich während der Überfahrt etwas aus. Dann erreiche ich die Insel im Nebel – und schlagartig habe ich anderes Wetter. Er regnet in Strömen. Meine Regenklamotten können keinen Widerstand bieten, ich bin pitschnass. Meine Hoffnung liegt auf einem Campingplatz in der Nähe von Broadford. Bis dorthin sind es etwa 25 Kilometer. Aber: der Campingplatz ist bis Mitte August komplett ausgebucht. Also fahre ich weiter. In 30 Kilometern Entfernung liegt ein Campingplatz, von dem ich weiß, dass man dort IMMER einen Platz findet. Mit der Zeit wird der Regen auch weniger und als ich den Campingplatz in Sligachan im Schatten der Red Cuillins erreiche, regnet es nicht mehr. Nur der Boden des Campingplatzes erinnert mich an Wacken.

Als ich am nächsten Morgen wach werde sind schon viele Tourer abgereist. Ich wechsle spontan zum Plan B, suche mir für mein Zelt einen trockenen, festen Untergrund am Zeltplatz und lasse das Zelt dort stehen, während ich für einige Stunden eine Rundtour auf Skye unternehme. Diese Tour führt mich die Hauptstraße Skyes von Sligachan aus nach Norden zum Insel-Hauptdorf Portree. Offiziell zählt der Ort mit seinen 2.300 Einwohnern sogar als Stadt. Okay, reden wir nicht drüber. Aber wie es sich für eine Stadt gehört, findet man hier alles. Ich bleibe einige Zeit an der malerischen Hafenzeile stehen und beobachte die Möwen. Oder sie beobachten mich. Wie man’s nimmt.

Ich verlasse Portree über eine kleine Straße, die Skye von Osten nach Westen durchquert. Wie immer habe ich ein paar Höhenmeter zu bewältigen (aber nicht zu viele), dafür geht es auf der Westseite auch wieder bergab. Die Aussicht dort hinab in ein Tal, welches in eine Bucht mündet, ist wieder phänomenal. Nicht so phänomenal ist, dass meine Pedale gerade wieder anfangen zu wackeln. Ich erinnere mich daran, dass ich in Portree nach einer Werkstatt schauen wollte. Ich google auf die Schnelle – die Werkstatt dort macht in 20 Minuten zu. Das hätte anders laufen können. Aber ich bin selbst schuld. Aufgrund der wackelnden Pedale ändere ich meine Planung für den heutigen Tag (eigentlich wäre ich noch in Richtung der Talisker-Destillery und nach Glen Brittle im Südosten Skyes abgebogen) und fahre direkt nach Sligachan zurück. Meine Planung für morgen ändere ich auch: es geht morgen früh mit dem Bus nach Portree, dort lasse ich das Rad reparieren. Bei der Anfahrt nach Sligachan entschädigt mich der Blick auf die Cuillins, einem zweigeteilten Gebirgszug im Süden von Skye von dem selbstverschuldeten Tiefschlag. Abends besuche ich dann noch mit einem Motorradtouristen, den ich schon auf Islay getroffen hatte, das Sligachan Hotel auf ein oder zwei Skye-Bier, welches hier in Sligachan gebraut wird. Die „Suppe des Tages“ hätte mir aber bestimmt auch geschmeckt.

Der nächste Tag startet wie geplant – ich nehme gemeinsam mit meinem Fahrrad den Bus nach Portree, finde die Werkstatt und werde auch gleich bedient. Der Besitzer des kleinen Ladens nimmt meine Pedale auseinander, betrachtet skeptisch das Innengewinde vom Tretlager, schüttelt den Kopf und sagt „Das ist hinüber.“ Damit ich aber meine Tour noch vollenden kann, reinigt er das Innenlager gründlich und schraubt das Tretlager wieder fest an. „Fahr nicht zu kräftig“, sagt er mir und bittet um Rückmeldung, ob ich die Fahrt noch vollenden konnte. Erst einmal fährt das Rad aber wieder. Ich bedanke mich und setze meine Reise fort. Es geht den gestrigen Weg entlang zur Westküste, von dort aus folge ich der Küste nach Norden, mache einen Abstecher in den Nordwest-Zipfel von Skye. Von dort aus habe ich eine grandiose Sicht nach Norden (wo die Äußeren-Hebriden-Inseln Harris und Lewis liegen) und nach Süden (hinüber zu den 40 Kilometer entfernten Cuillins). Mein Weg führt mich nun an der Nordküste entlang wieder nach Westen. Nach gut 110 Kilometern erreiche ich Uig im Nordwesten von Skye, eine Hafensiedlung, malerisch in einer Bucht gelegen, die auf direktem Weg keine 30 Kilometer von Portree entfernt gewesen wäre.

Auf dem Campingplatz von Uig schlage ich mein Zelt auf und besuche noch die Bakur Bar im Hafen. Vom Hafen aus fahren Schiffe zu den Äußeren Hebriden – und hier wäre ich auch am nächsten Morgen angekommen, wenn ich von Oban aus über die Äußeren Hebriden weitergefahren wäre. Nur: ob ich dort eine Werkstatt für mein Fahrrad gefunden hätte?

 

  1. Woche

Die 4. Woche meiner Tour bietet mir einen weiteren optischen Höhepunkt. Im Norden von Skye (in Trotternish) erheben sich die Berge bis zu fast 700 Metern Höhe. Vom Osten der Halbinsel sanft ansteigend fallen sie im Westen steil zur Küste hin ab und bilden dabei interessante Abbruchkanten-Felsformationen. Nicht nur, dass die Steilküste imposant aussieht. Auch die etwas weiter im Halbinsel-Inneren gelegenen Abbruchkanten suchen ihresgleichen. Berühmt ist der Old Man of Storr, eine gut 40 Meter hohe Felsnadel, aber auch der Quiraing. Dieses Massiv ist heute mein erstes Ziel. Besonders freue ich mich dabei auf die anschließende Abfahrt zur Küste herunter. Der Quiraing ist nicht sonderlich hoch, der dortige Parkplatz liegt bei etwa 250 Metern Höhe. Der Weg zur Küste führt jedoch durch eine scharfe Haarnadelkurve und einem anschließenden langen Gefälle hinab. Mein Weg führt mich von hier aus Richtung Süden. Auf dem Weg werde ich immer wieder an die Schönheit Skyes erinnert. Ich sehe noch lange den Quiraing hinter mir, fahre am Kilt Rock vorbei (einer stark kilt-ähnlich gemusterten Steilküste), sehe den Old Man of Storr etwas abseits der Straße (und rege mich über die Touristen auf, die rechts und links der Straße parken), genieße den Blick auf Portree, als ich dort abermals vorbeikomme, ruhe mich einige Minuten in Portree aus, während ich dort einer Pipeband zuhöre, muss wieder einmal schlucken, während ich von Portree aus auf die Cuillins zufahre.

Zwischendurch gönnt mir das jetzt sehr gute (und dem Namen „Insel im Nebel“ spottenden Wetter) Ausblicke auf die schottische Westküste, die sich jenseits des „Inner Sounds“ (der Meerenge zwischen Skye und dem schottischen Festland) befindet. Ich erahne Gairloch, Applecross, den Bealach na Ba und lasse vergangene Tage meiner Reise im Kopf Revue passieren. Schließlich nähere ich mich Broadford, dem südlichen Inselzentrum. Die Zeit drängt ein wenig, denn es ist bald 17 Uhr und um 19:10 Uhr muss ich die letzte Fähre in Armadale Richtung Mallaig erwischen. In einer Kurve passiert es – die erste (und einzige) wirklich kritische Verkehrssituation meiner Reise: mir kommt auf meiner Fahrspur ein Auto entgegen. Ich fahre schon weit links am Rand der Straße, kann auch so schnell nicht reagieren – aber der Autofahrer reagiert und zieht zur anderen Straßenseite hinüber, auf den Transporter zu, den er gerade überholen will. Das nun entstehende Hupkonzert des Transporters bekomme ich nur noch am Rande mit. Zur Kollision kam es aber nicht. Ich bin froh, dass der Autofahrer geistesgegenwärtig reagiert hat. Im Nachhinein habe ich mehrmals versucht, die Gefährdung einzuschätzen. Ich kann es nicht. Ich kann nicht sagen, wie knapp es war. Aber auch wenn die Situation brenzlig war: es war die einzige kritische Situation auf insgesamt 3000 Kilometern auf schottischen Straßen. Schließlich erreiche ich Broadford, genieße im dortigen Fish and Chips Takeaway die besten Fish and Chips, die ich in meinem Leben gegessen habe, kaufe mir noch schnell Vorräte für den Abend ein und fahre dann zügig nach Armadale. Ich erreiche die Fähre, sie setzt mich in Mallaig ab und etwa 45 Minuten später stehe ich am Campingplatz, den ich aufsuchen wollte. Er hat schon zu und … entgegen meiner Erfahrungen gibt es keine Möglichkeit, hier als „Late Arrival“ unterzukommen. Scheinbar habe ich Schottland versehentlich verlassen. Ausnahmsweise nutze ich daher heute Abend mal das „Jedermann-Recht“ in Schottland und baue mein Zelt 500 Meter weiter in einer Bucht am Strand auf. Dort mache ich mir leckere Kartoffel mit Angus-Burger-Fleisch und genieße am Strand eine der eingekauften Flaschen Arran-Bier, mit der ich auf die 2000 Kilometer-Grenze (die ich heute erreicht habe) anstoße.

Das Rauschen der Wellen begleitete mich in der Nacht und ich bin dem Besitzer des Campingplatzes dankbar dafür, dass ich hier in der Bucht mein Zelt aufschlagen musste.

Bevor ich am Morgen weiterfahre, nutze ich noch die Gelegenheit und gehe kurz mit den Füßen ins Wasser. Nun geht es weiter. Im nächsten Ort finde ich ein Toilettenhäuschen (die gibt es hier immer mal wieder, gut gepflegt und gut ausgestattet). Dort mache ich meine „Morgentoilette“, im Sparmarkt kaufe ich noch ein und schließlich fahre ich die „Road to the Isle“ in Gegenrichtung, weg von der Insel im Nebel und hin nach Fort Williams. Zwischendurch sagt mir meine Navi „Hier ist ein Movie-Schauplatz“. Irritiert bleibe ich stehen. Ich befinde mich am Loch Eilt. Am Ufer stehend frage ich mich, was für ein „Filmschauplatz“ dies sein könnte, als ein Pärchen an mir vorbei geht. Unterm Arm trägt die Frau ein Buch: „Harry Potter und der Halbblutprinz“. Dieses Buch und das Foto sollten als Hinweis für Harry Potter Fans genügen, um zu wissen, welche Szene hier gedreht wurde.

Ich fahre weiter, zu einem Loch mit einer wirklich gewichtigen Rolle. In Glenfinnan am Nordufer vom Loch Shiel ging vor 300 Jahren Bonnie Prinz Charles an Land und startete von dort den Aufstand gegen die englische Krone, um sich selbst auf den britischen Thron zu setzen. Das Vorhaben gipfelte am 8. April 1746 in der Schlacht von Culloden. Die Schlacht dauerte angeblich nur 25 Minuten – in dieser Zeit wurden 25 % der 5000 Getreuen von Bonnie Prince Charles getötet und er zur Flucht gezwungen. Die Geschichte ist blutig, der Ausblick auf das Loch Shiel hingegen wunderschön. Wer sich hingegen mehr für das „Fiktionale“ interessiert, kommt in Glenfinnan auch auf seine Kosten. Hier steht der wohl berühmteste Viadukt der Filmgeschichte. Bevor die Dementoren hier den nächsten Zug aufhalten, fahre ich lieber weiter. Mein Ziel heute ist ein gemütlicher, am und im Glencoe gelegener Campingplatz: der RedSquirrel Campsite. Er liegt im Wald, die Zelte verteilen sich unter den Bäumen und am Fluss. Nachdem ich die letzten 20 Kilometer mit einer Radfahrerin aus der Schweiz zurückgelegt habe, die seit einigen Jahren auf der ganzen Welt unterwegs ist *neid* erreiche ich den Campingplatz. Sie möchte noch weiter und wild campen. Ich möchte eine Dusche.

Der 25. Tag meiner Reise beginnt. Ich bin nur noch anderthalb Radfahrtage von Glasgow entfernt. Dort werde ich „sesshaft“, treffe mich mit meiner Frau und mache nur noch Tagestouren. Aber vorher liegen noch drei Highlights vor mir. Heute geht es durch das Glencoe, ein abgelegenes und geschichtsträchtiges Tal hindurch am Rannoch Moor vorbei. An der Ostseite vom Rannoch Moor stand ich vor zweieinhalb Wochen am Bahnhof, heute fahre ich südlich dran vorbei. Anschließend erreiche ich das Loch Lomond. Neben dem Loch Ness ist es wohl das berühmteste Loch Schottlands. Aber zuerst geht es in Richtung Rannoch Moor. Da das Moor bei etwa 300 – 400 Metern Höhe liegt und ich mich aktuell wieder einmal beinahe auf Meereshöhe befinde … geht es wieder bergauf. Die Strecke liegt im diesigen Nebel. Immer wieder regnet es für kurze Momente. Aber ich rufe mir wieder den Satz meiner Kollegin in Erinnerung „Schottland ist bei jedem Wetter schön“. Ja, ist es. Zwar sehe ich die Spitzen der Three Sisters nicht, die sich südlich meiner Strecke erheben, aber die nebligen Berghänge rechts und links der Straße haben auch was. Mühsam kämpfe ich mich den Berg hoch. Erschwerend kommt hinzu, dass ich heute noch nicht gefrühstückt habe und meine „On Tour“-Vorräte langsam zur Neige gehen. Aber ich kenne mich ein wenig aus und weiß: irgendwo in der Nähe vom Rannoch Moor gibt es

einen Snack-Wagen. Das ist erst einmal mein Ziel. Bis dahin ziehen aber noch die Autos in Kolonnen an mir vorbei (ich befinde mich auf einer der zentralen Verbindungsstraßen), der Regen zieht in meine Knochen. Es ist ungemütlich. Ich erreiche den Snack-Wagen, stärke mich und biege ab dort nach Süden hin ab. Dort, am Ende der Straße, liegt Tyndrum. Das Dorf mit den zwei Bahnhöfen. Einer gehört zur Strecke Glasgow – Oban und der andere zur Strecke Glasgow – Fort William. Diese Strecke teilt sich kurz vor Tyndrum und im Ort gibt es daher zwei (nur wenige hundert Meter auseinanderliegende) Bahnhöfe. Die Eisenbahnstrecke von Nord nach Süd (oder andersherum) ist ab jetzt auch mein ständiger Begleiter. Außerdem der West Highland Way, die wahrscheinlich berühmteste Wanderroute Schottland, die von Glasgows Speckgürtel aus nach Fort William führt. Während ich vom Rannoch Moor auf gut 400 Meter nach Süden fahre erlebe ich eine neue Form des Niederschlags. Es hagelt. Mir wird kalt. Die Temperaturen liegen geschätzt im niedrigen einstelligen Bereich.

Dann erreiche ich Tyndrum. Das Wetter wird besser. Der Regen, der Hagel, der Nebel hören auf. Es scheint fast so als ob Schottland weiß, dass zum Rannoch Moor nebliges Wetter gehört – zum Loch Lomond hingegen Sonnenschein. Ab jetzt fahre ich dutzende Kilometer am Loch Lomond entlang. Das Loch Lomond ist das größte und wohl auch schönste schottische Loch und eng mit dem Nationalempfinden der Schotten verbunden. Eng ist auch die Uferstraße – eng und noch befahrener als die Straße durchs Glencoe. Aber ich komme trotzdem durch.

In Balloch am Südufer befinden sich gerade Bekannte von mir auf einem Campingplatz. Ich fahre vorbei, um dort ebenfalls mein Zelt aufzuschlagen. „No, only caravans“, heißt es. Schade – ich fahre daher weiter, umkreise das Südufer und komme schließlich als Late Arrival nach 130 Kilometern auf einem wunderschön am Ostufer gelegenen Campingplatz in der Nähe von Balmana an. Zelt aufbauen, duschen, Essen kochen, essen, telefonieren. Dann gehe ich noch ans Ufer und schaue gedankenverloren über das Loch. Streng genommen müsste man sagen, dass heute der letzte Tag meiner Rundreise ist. Morgen komme ich in Glasgow an. Dort treffe ich meine Frau und übernachte die nächste Woche nicht mehr im Zelt, sondern in einem AirBnB-Apartment. Von Glasgow aus werde ich noch weitere Tagestouren unternehmen. Aber es ist nicht dasselbe wie die letzten 4 Wochen. Wehmütig lasse ich die Tage Revue passieren. Ich habe sie genossen. Aber ich freue mich auch auf morgen – auf das Treffen und Wiedersehen mit meiner Frau.

Letzte Woche, Tagestouren aus Glasgow heraus

Am nächsten Tag fahre ich nach Glasgow rein. Glasgow – eine wunderschöne Stadt. Nicht für mich.  Mir gefällt sie nicht, aber es gibt Besucher in Glasgow, die lieben ihren „harten Arbeitercharme“. Ich muss allerdings zugeben, dass ich in den 3 Tagen, in denen ich in Glasgow Urlaub zusammen mit meiner Frau mache, auch schöne Seiten entdecke. Das Kelvingroove-Museum ist sehr schön, ebenso der Kelvin und der Forth-and-Clyde-Canal, der im Norden Glasgows entlang fließt und die Westküste mit der Ostküste verbindet. Früher war er wichtig für die Wirtschaft. Heute dient er dem Tourismus: dem Boots-Tourismus und dem Fahrradtourismus. Auch die Ausgehmöglichkeiten in Glasgow sind nicht zu verachten – allen voran das Baffa, eine Pizzeria gegenüber dem Kelvingroove-Museum.

Als ich in Glasgow ankomme fahre ich direkt zum Glasgow Green, dem großen Park in Glasgow. Dort finden gerade die „World Pipeband Championship“ statt. Weltmeister-Band wird die Band aus Inverary und gedanklich reise ich ein paar Tage in die Vergangenheit zurück. Vor etwa einer Woche stand ich in Inverary an der Primary School, in der der heutige Weltmeister vor 15 Jahren gegründet worden war.

Die nächsten beiden Tage verbringe ich in Glasgow. Shoppen, ausschlafen, ausruhen. Aber am Dienstag, 3 Tage nach meiner Ankunft in Glasgow, packt mich wieder das Reisefieber. Ich plane aber nur noch Tagesetappen mit wenig Gepäck.

Start und Ziel ist jeweils Glasgow. Die erste Tour führt mich gen Süden. Ich besuche den Ort Lanark und das etwas weiter südlich am Clyde gelegene New Lanark. New Lanark ist eine 1785 gegründete Woll-Fabrik, welche im frühen 19. Jahrhundert durch das soziale Experiment einer adäquaten Behandlung und Versorgung der Arbeitskräfte aus dem Rahmen fiel. Ich folge dem Clyde einige Kilometer flussaufwärts über Wege, die mir meine komoot-Navi empfiehlt. Der Weg besteht aus Holzbohlen-Stegen, Treppen, schmalen unbehandelten Anstiegen. Mit Gepäck wäre es schwierig geworden. Mit Tagesgepäck ist die Strecke befahrbar. Optisch lohnt es sich aber auf jeden Fall. Mein nächster Halt ist das „Castle Dangerous“, ein zerfallenes Castle, welches nur noch als Ruine in den Lowlands steht. Es war der Schauplatz des romantischen Romans „“Castle Dangerous“. Ich fahre von hier aus weiter nach Westen über kleinere Feldwege in den Lowlands. Die Gegend unterscheidet sich massiv von den Highlands der letzten Woche. Es ist nicht hässlich, aber nicht meins. Nach 150 Kilometern erreiche ich Abends wieder Glasgow und plane meine Tour für den nächsten Tag.

Am nächsten Tag geht es mit dem Zug nach Ardrossan am Firth of Clyde. Von dort gibt es eine Fährverbindung hinüber nach Brodick auf Arran. Eine komplette Umrundung dieser schönen Insel (man spricht auch von „Klein-Schottland“ werde ich wohl nicht schaffen. Aber die Nordhälfte möchte ich umrunden und dann über den „String“ eine West-Ost-Querverbindung zurück zum Hafen nach Brodick. Der übliche leichte Regen begleitet mich. Nichts Bedenkliches. Aber spätestens an der Nordwest-Spitze hätte ich skeptisch werden sollen. Dort ist ebenfalls ein Fähranleger und auf der Hinweistafel stand „No ferry services due to weather conditions“. Die Anzeige ignorierend fahre ich an der Westküste Arrans wieder nach Süden bis zur Abzweigung des Strings. Da schlägt das Wetter mit Gewalt zu. Die See türmt sich auf, der Wind weht von Süd-Westen. Dann weht er kurz von Osten. Dann von Süden. Dann von Norden. Er tanzt um mich herum. Ich komme kaum noch voran. Von der Umgebung sehe ich auch nichts mehr, da mein Blick starr nach unten gerichtet ist. Meine einzige Hoffung: der Westwind herrscht vor. Und der String führt mich nach Westen. Irgendwann erreiche ich abgekämpft und durchnässt die Abzwweigung. Ich biege ab – und habe den Wind im Rücken. Von Westen aus drückt er in den Taleinschnitt hinein und mich den Berg hoch. So erreiche ich unerwartet rechtzeitig den Hafen um die nächste Fähre zu nehmen. Dort erfahre ich allerdings, dass die nächste Fähre „due to weather conditions“ erst in zwei Stunden fährt. Mit zwei Stunden Verspätung erreiche ich den Hafen von Ardrossan und beschließe, mit dem Zug zurück nach Glasgow zu fahren. Genossen habe ich den Tag trotzdem.

Am nächsten Tag folge ich dem Forth-and-Clyde-Canal nach Westen. Mein Ziel ist das Falkirk-Wheel, ein neuerbautes und eindrucksvolles Schiffshebewerk. Am Canal komme ich gut voran. Viele kleine, schmale und lange Schiffchen säumen das Ufer des Canals und wiegen dort vor sich hin. Schon bald erreiche ich (bei strahlendem Sonnenschein) das Wheel am Kanal und bestaune den Hebevorgang. Weiter geht es nun zu den Kelpies, zwei übergroßen Pferdeköpfen aus Stahl neben der Autobahn von Edinburgh nach Stirling. Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Mündung des Kanals in den Firth of Forth und ich wende mich auf Stirling zu. In Stirling habe ich dieses Mal ausnahmsweise nicht mit technischen Problemen zu kämpfen. Aber ich muss mich entscheiden. Auf meinem Fahrrad habe ich mein Übernachtungsgepäck und ich spiele mit dem Gedanken, auf einen Campingplatz 20 Kilometer nördlich von Stirling zu fahren und dort bis morgen zu bleiben. Skeptisch betrachte ich die Regenwolken im Norden – und fahre den Forth-and-Clyde-Canal zurück nach Glasgow.

Der kommende Tag führt mich nach Norden, noch einmal in die Trossachs. Meine Navi meint es sehr gut mit mir und führt mich in Milngavie nördlich von Glasgow von der befahrenen Straße runter auf einen schmaleren, aber gut ausgebauten Waldweg. Dies ändert sich aber nach nur wenigen hundert Metern – der Weg wird immer beschwerlicher. Im Nachhinein wundert es mich nicht, hatte es mich doch versehentlich auf den berühmtesten Wanderweg Schottlands, den West Highland Way, verschlagen. Als der Weg mit meinem Tourenrad immer unpassierbarer wird, wechsele ich wieder auf die Hauptstraße zurück. Ziel ist erst einmal Aberfoyle, das „Gateway to the Trossachs“. Von dort aus steuere ich das Loch Katrine an, welches unweit des Ufers des Loch Lomond liegt. Über das Loch Katrine fährt die Sir Walter Scott, ein alter Steam-Dampfer. Ich gönne mir den Luxus und fahre mit dem Dampfer von Stonachlachar an der Südwest-Seite bis zum Ost-Ufer. Alternativ hätte ich auch den „Rund-um-den-See-Radweg“ an der West- und Nordküste des Lochs nehmen können. Ein Jahr später, bei einer anderen Tour durch Schottland, werde ich diesen Weg fahren – er fährt sich sehr gut und ist sehr gut ausgebaut. Vorteil der Überfahrt: ich kann mich vor dem immer mal wieder aufkommenden Regen schützen und sitze auch im Warmen. Schließlich landet der Dampfer am anderen Ufer, ich schiebe mein Rad über den Steg und fahre los. Irgendwann fällt mir auf, dass mein Handy mir nicht mehr signalisiert, dass es auflädt. Irritiert wackle ich am Kabel, kontrolliere den mobilen Akku. Platt. Also der Akku. Zähneknirschend kontrolliere ich noch einmal die Komoot-Karte, merke mir den Weg (Loch Katrine – Aberfoyle – ab da sollte Glasgow ausgeschildert sein.) Um mich nicht zu verfahren nehme ich also für den Rückweg die Hauptstraße und komme so relativ zügig aber eher ereignislos über Milngavie wieder nach Glasgow rein. In der Unterkunft angekommen, bekommt man Handy neuen Strom … und ich setze eine wasserdichte mobile Powerbank auf meine ToDo-Liste.

Am nächsten Tag habe ich nur eine sehr kurze Tour vor mir. Früh morgens sitze ich auf dem Fahrrad und fahre durch die südöstlichen Stadtteile von Glasgow. Mein Ziel ist der nördliche Teil des Firth of Clyde, genauer gesagt die kleine Insel „Bute“. Da mich nicht nur das Radfahren, sondern auch die Dudelsack-Musik interessiert, möchte ich mir dort eine Pipeband-Competition anschauen. Außerdem spielt meine Frau dort mit – also gleich zwei Gründe auf einmal. Der Weg führt mich über einen alten Bahnradweg von Johnstone nach Port Glasgow. Hier verläuft der NCN 75, ein vorbildlich ausgebauter Radweg. Auch als ich bei Port Glasgow wieder auf den Clyde treffe, halte ich mich oberhalb der Ortschaften auf dem Radweg auf. Zumindest so lange, bis kurz hinter Port Glasgow der Radweg für einige Meter gesperrt ist. Ich verlasse ihn, fahre in den Ort hinein, orientiere mich an den Umleitungsschildern, die mir den Weg weisen. Bei einem kurzen Stopp zur Orientierung passiert es: Anstatt richtig stehen zu bleiben, verliere ich mein Gleichgewicht und kippe wie in Zeitlupe nach links um. Trotzdem falle ich schneller als ich meinen linken Fuß aus dem Klickpedal reißen kann … und liege wenige Augenblicke später mit der linken Körperseite auf der Straße. Aufstehen, Helm richten, weiterfahren. So merke ich erst wenige Minuten später, dass mein rechtes Handgelenk dick wird. Dabei war das gar nicht auf dem Boden aufgeschlagen. Mit rechts bremsen ist kaum möglich. Mit schmerzender Hand kämpfe ich mich bis die verbleibenden 20 Kilometer bis nach Wemyss Bay. Dort erreiche ich die Fähre, die mich nach Bute bringt. Die Fähre ist dieses Mal gefüllt mit jeder Menge Pipern und Drummern im Kilt – es geht zur Competition. Auf Bute genieße ich trotz meines Handgelenks den restlichen Tag, kaufe mir das passende T-Shirt zur Tour und freue mich, dass ich und mein Fahrrad den Rückweg nach Glasgow im Bus der Dumbarton and District Pipe Band zurücklegen können.

In der Unterkunft wird nun noch aufgeräumt und gepackt. Am nächsten morgen geht es früh mit dem Zug über Edinburg nach Newcastle. Von dort fahre ich noch ca. 30 Kilometer am Tyne entlang, bevor ich am DFDS-Pier in Southshields abermals eine Fähre nehme. Dieses Mal aber eine sehr große Fähre. Es geht nach Hause, nach 4 ½ Wochen mit dem Fahrrad in Schottland.

Einige Tage später, ich bin wieder zu Hause, fragt mich eine gute Freundin, was so eine Tour mit einem macht. 3000 Kilometer mit Muskelkraft, einige 10.000 Höhenmeter, die Einsamkeit der Highlands. Was macht sie mit mir? Was hat sie mit mir gemacht? Die Antwort darauf bin ich ihr bis heute schuldig geblieben.

  • Sie macht Spaß. Wenn sie das nicht machen würde, würde ich die Tour nicht machen.
  • Sie macht stolz. Ja, das kann ich so schreiben. 3000 Kilometer mit Muskelkraft durch die relative Einsamkeit Schottlands zu reisen.
  • Sie sorgt für Gesprächsanlässe. Ich habe auf meiner Tour so viele nette Worte von den Personen gehört, die mir begegnet sind. Wir haben schöne Gespräche geführt. Mir wurde Bier und Abendessen angeboten. Vielen Dank an die ganzen Personen, die ich auf der Tour getroffen habe, die Rücksichtnahme auf der Straße (mit der ich so nicht gerechnet hatte) und die Motivation am Bealach Na Ba und im Unwetter bei der Anfahrt nach Applecross.
  • Sie ließ mich Schottland ganz neu erfahren. Mit dem Fahrrad war ich hautnah in Schottland, der Witterung ausgesetzt, ich konnte das Land fühlen. Nicht zuletzt hatte ich dank des Fahrrads auch die besseren Aussichtspunkte als die Auto-Touristen. 😉 (Die Steigerung vom Radfahren ist nur noch das Wandern in Schottland. Noch hautnaher geht nicht.)

Ob ich wegen der Tour ein anderer Mensch geworden bin? Ich denke nicht. Solche Auswirkungen hat es nicht. (Okay, ich habe ungefähr 6 Kilo Bauchspeck auf der Fahrt verloren. Zählt das auch?) Aber zumindest freue ich mich über das, was ich geschafft habe, und freue mich über viele Eindrücke, die sich in meine Erinnerung eingebrannt haben.

Ich freue mich auch drauf, dass es bestimmt nicht meine letzte Reise nach Schottland gewesen ist. Auch nicht mit dem Fahrrad. Vielleicht gibt es also mal eine Fortsetzung. 😉

 

 

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