Stau im Paradies

Dies ist ein Plädoyer, alpinen Touren nicht durch Sanierung ihren Charakter zu rauben. Dies ist aber auch eine Hommage an das Plaisirklettern. Wie geht das zusammen? Lest selbst.

Im Sommer 2013 war das Zinalrothorn als krönender Abschluss einer Walliswoche geplant. Doch die Wettergötter legten ihr Veto ein. Meine Tourenpartnerin Irmgard und ich planten im Juli 2014 wiederzukommen um endlich den Rothorngrat zu klettern.

Das Datum rückt näher, die Wetterberichte bessern sich, die Webcams zeigen, dass es sehr viel geschneit hat aber auch, dass der Schnee schmilzt. Die Hüttenwirtin der Rothornhütte sagt mir am Telefon, dass dieses Jahr wegen den schlechten Verhältnissen noch niemand auf dem Rothorn war. In die Zukunft schauen kann sie aber auch nicht. Da bleibt nur, uns selbst ein Bild zu machen.

Wir parken in Täsch, nehmen den Zug nach Zermatt und steigen bei bestem Wetter zur Hütte auf. Dort sind außer den beiden Hüttenwirtinnen noch vier Leute. Zwei Spanier, die erfolglos versucht hatten, den Berg auf dem Normalweg zu besteigen und zwei Österreicher, die auch wegen dem Rothorngrat kamen aber bei den Verhältnissen zuerst mal das Obergabelhorn über die Wellenkuppe gemacht haben. Man merkt ihnen an, dass sie richtig gut sind und trotzdem sind sie so durch den Wind, dass sie gleich am nächsten Morgen absteigen.

Am nächsten Morgen um 5 Uhr geht es, ausgestattet mit vielen guten Tipps der Österreicher in deren Abstiegsspur, dem klar definierten Ziel „Wellenkuppe-und-keinen-Schritt-weiter“ entgegen. Irmgard führt souverän über den Gletscher und durch die Firnflanke. Nach 1,5 Stunden haben wir den Felsteil erreicht und ich bin mit dem Vorstieg dran.

Da die Tour im Rotherführer mit II bewertet ist, haben wir unsere Kletterschuhe auf der Hütte gelassen. Es ist eine gefühlte V und ich muss sogar mit den schweren Bergstiefeln einen „Heelhook“ anwenden, um nicht viele Meter über der letzten Sicherung aus der Wand zu kippen. Der Gneis wirkt recht solide, doch brechen mir mehrmals unverhofft Griffe und Tritte aus und nur die altbewährte „Dreipunkttechnik“ bewahrt mich vor dem Abflug. Bald stehen wir vor dem letzten Felsaufschwung. Er sieht aus dieser Perspektive und mit unseren leicht angespannten Nerven wahrscheinlich steiler aus, als er ist. Wir können auf diesem plattigen Aufschwung keine Schlingenbündel, keine Normalhaken mit Reepschnur dran und erst recht keine Bohrhaken für den späteren Abstieg erkennen. Die Ungewissheit, wie wir dort wieder runter kommen und wie lange wir wohl dafür brauchen, lässt uns den Entschluss zur Umkehr fassen.

Der Schnee ist im Abstieg zwar schon weich, aber es geht gerade noch, ohne bei jedem Schritt das Bild im Hinterkopf zu haben, den Weg nach unten mit einer größeren Menge dieser weißen Masse zusammen anzutreten. Nachdem wir am Umkehrpunkt die Verhältnisse am gegenüberliegenden Rothorn eingehend studiert haben, sehen wir für den Rothorngrat keine Chance.

Um kurz nach 13 Uhr sind wir wieder an der Hütte. Die Hüttenwirtin ist zwar nicht gerade begeistert, als wir fragen, ob es okay ist, wenn wir gleich noch Absteigen, aber sie berechnet uns nur die vergangene Nacht, was wirklich fair ist. Wir bedanken uns und schon geht es im Sauseschritt talwärts.

Weiter ins Furkagebiet

Mit einer Geschwindigkeit, die uns gerade eben NICHT mit dem Schweizer Straßenverkehrsgesetz in Konflikt geraten lässt, geht es zum Furkapass, wo wir im Hotel Tiefenbach noch Quartier bekommen. Nach dem Abendessen blättern wir im Kletterführer „Plaisir Ost“. Hätten die Gäste an den anderen Tischen ihre Ohren gespitzt, wären von ihnen wahrscheinlich diese oder ähnliche Wortfetzen empfangen worden: „Gross Furkahorn… “, „…ist Dir der Abstieg klar?“, „Ops, da führt der Zustieg ja über den Gletscher.“, „Gross Bielenhorn…?“, „… sieht so aus als, ob der Abstieg über den Gletscher geht.“, „…was hältst Du vom Kleinen Bielenhorn?“, „Wollten wir nicht was richtiges klettern?“, „…Galengratverschneidung“, „Sieht nicht wirklich gut gesichert aus und außerdem, da sollten wir ganz früh los, falls doch ein Gewitter kommt.“, „… bisschen länger schlafen hätte ich nichts dagegen“, „Was hältst Du von der „Conquest of Paradise“ am Hannibalturm?“, „Packen wir das von der Schwierigkeit?“, „Lässt sich ja zur Not was nullen!“, „…und wir können jederzeit abseilen, da man eh über die Route runter muss.“, „Absicherung“, „SUPER“ das ist doch mal was“, „Machen wir die „Paradise“, soviel wird da ja an einem Freitag nicht los sein.“

Nach einem guten Frühstück gehen wir um 8 am Parkplatz beim Refuge Furka los. Als sich die Umrisse des Hannibalturms so langsam vom dahinterliegenden Fels abheben, hebt sich am Fuß des Turms noch was ab. Die Zoomfunktion der Digitalkamera schafft Klarheit. Da stehen mindestens sieben Leute und wollen in UNSERE Route einsteigen.

Also ganz entspannt, ganz langsam weiter. Ein Blick zurück lehrt uns, dass das vielleicht nicht die richtige Strategie ist. Hinter uns kommen noch einige, weder entspannt noch langsam. Frei nach dem Motto: Wer schneller rennt, darf länger warten. Am Einstieg angekommen, reihen wir uns ein. Vor uns sind zwei Schweizer Mädels, die darauf warten, dass die etwas größere SAC-Gruppe mit Bergführer vor ihnen endlich vollständig „abhebt“. Der Fels sieht super aus, feinster goldener Granit, die Sonne scheint, es herrschen angenehme Temperaturen und sogar der Himmel wirkt hier im Bereich dieser Superplaisirroute blauer. Während der Tour genießen wir den tollen Fels, die super Absicherung und es wird auch nicht langweilig, da jede Seillänge etwas anderes zu bieten hat. Was mit Reibung begann, geht in große Kristalle über, wird von einer schönen Verschneidung mit anschließendem Riss abgelöst.

Wenn wir eines der Mädels vor uns an einem Standplätz antreffen ergibt sich meist eine nette Unterhaltung und von dem Schweizer Paar hinter uns erfahre ich, welche Touren am Grimsel besonders lohnend sind. Auch eine fallende, volle Siggflasche kann die Stimmung nicht trüben. Am zweitletzten Stand -er müsste eigentlich HÄNG heißen- ist erst mal Warten angesagt, da die gesamte SAC Truppe von oben runtergeseilt kommt.

Dem Verkehrschaos entronnen geht es flott weiter zum Gipfel, wo wir auf dem Gipfelbänkchen erst mal den Ausblick und die Ruhe genießen. Anscheinend sind wir die Einzigen, die zum Gipfel des Türmchens gehen und nicht gleich vom letzten Stand abseilen. Das Abseilen stürzt uns noch mal ins Getümmel. Bis wir unten sind, hat Irmgard Leute getroffen, die sie vom Battert kennt und ich habe erfahren, was mein Kletterkumpel Kalle die letzten paar Jahre so gemacht hat. Es war wirklich schön und wir runden den Tag mit einem Kaffee auf der Siedelenhütte ab. Wer jetzt glaubt, in meinen Worten eine leichte Ironie herauszuhören, der irrt. Mir hat die Tour wirklich gefallen, ich habe die Kletterei vom ersten bis zum letzten Zug genossen. Trotz der, wie wir nachrechneten, 25 Leute, die sich mit uns zusammen auf 6 Seillängen verteilen.

Wir haben das Paradies erobert, zumindest für diesen Tag. Aber möchte man das ständig? Den Rummel definitiv nicht. Den Genuss, das angstfreie Klettern zumindest ich nicht immer. Oft sucht man ja nach einer Herausforderung, die nicht in der Kletterschwierigkeit liegt, sondern in der Routenfindung, dem Selbstabsichern, wo es zum Gelingen einer perfekten Planung bedarf und nicht zuletzt sucht man manchmal auch die Einsamkeit am Berg. Mir ist der Wechsel zwischen Plaisir und Alpin, zwischen Genuss und Abenteuer wichtig. Ein Abenteuer ist für mich durch den ungewissen Ausgang definiert. Abenteuer erfordert Mut, oft ist es der Mut zur Umkehr.

Hätten wir an der Wellenkuppe im Wallis am letzten Felsaufschwung ein Schlingenbündel oder gar einen Bohrhaken gesehen, wir hätten den Gipfel geschafft. Trotzdem, ich bin dagegen, in solchen Touren Bohrhaken zu setzen, egal ob für den Aufstieg oder als Abseilstand. Der Erlebniswert sinkt, die Tour wird zum Konsumgut. Andererseits ist es wichtig, dass es auch Routen wie die ″Conquest of Paradies″ gibt. Es darf nicht heißen Alpin oder Plaisir, es muss heißen Alpin UND Plaisir.

Text & Fotos: Jürgen Leitz