Reisebericht: Rheinradweg Teil 3

Der Rheinradweg, Tag 4 und 5: Von Wiechs am Randen bis Kehl

Schaffhausen
Schaffhausen

Der nächste Tag beginnt wieder mit Sonnenschein und einem Ausblick auf die Alpakaweide der Rabenscheune. In der Nacht hatte ich von meinem Quartier aus die Alpakas öfters als Schemen gesehen, jetzt halten sie sich aber leider im Stall auf. Schon bald breche ich auf. Gemütlich rolle ich zurück ins Tal, überquere abermals die Grenze zur Schweiz und komme schließlich in Schaffhausen an. Ich nehme einige Vorräte auf und wechsle auf das südliche Rheinufer zurück. Im Nachhinein ist dies ein Fehler gewesen. Denn als ich nach 10 Kilometern an der Jugendherberge oberhalb des Rheinfalls von Schaffhausen ankomme, erfahre ich dort, dass ich nicht mit dem Fahrrad zum flussabwärts gelegenen Beobachtungspunkt am Rheinfall gelassen werde. Ich müsse mein Fahrrad mit dem ganzen Gepäck unbewacht am touristisch überlaufenden Eingang zur Jugendherberge stehen lassen. Am Nordufer hätte ich einen ungetrübten Blick MIT dem Fahrrad gehabt. Schade, aber nicht zu ändern. Ein netter

Bank in Schaffhausen
Bank in Schaffhausen

Angestellter empfiehlt mir die Eisenbahnbrücke, welche  einige Meter flussaufwärts des Rheinfalls liegt. Ich folge dem Tipp und genieße einige Minuten lang das Donnern und Strömen des Rheinfalls. Nun aber weiter. Der südliche Rheinradweg entfernt sich auf den nächsten Kilometern etwas vom Rhein, ich habe ihn aber oft im Blick. Es wird wärmer und ich nähere mich dem Örtchen Flaach. Entgegen dem Namen des Ortes ist die Landschaft alles andere als flach. Ich muss eine lange Steigung hinauf. Zum Glück gibt es in den Dörfern auf dem Weg Brunnen am Straßenrand, welche mich immer wieder zum Rast machen und erfrischen einladen. Anwohner erklären mir auf Nachfrage, dass das Wasser sauber und trinkbar ist. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Wo es hoch geht, geht es auch wieder bergab – und so rollen ich nun immer schneller wieder zurück zum Rhein hinunter, vorbei an malerischen Plätzen am Rhein, an kleinen Dörfern und Städtchen, bis ich nach Koblenz komme.

Rhein bei Schaffhausen
Rhein bei Schaffhausen
Rheinfall bei Schaffhausen
Rheinfall bei Schaffhausen

Allerdings handeltes sich um das Städtchen Koblenz in der Schweiz und um die Stadt am Deutschen Eck. In Koblenz verpasse ich trotz Navi den Wechsel auf die deutsche Rheinseite, den ich eigentlich vornehmen will. Also folge ich weiter der Veloroute 2. Dem deutschen Rheinradweg folge ich in den nächsten Tagen noch lange genug.  Ich ignoriere daher auch die erscheinenen Brücken, die ich zum Wechsel auf die Nordseite nehmen könnte und genieße den Blick auf die deutsche Seite mit den Ausläufern des Schwarzwalds. Nach gut 130 km komme ich am Abend auf dem Campingplatz in Kaiseraugst an.

Bauernhaus in Dachs
Bauernhaus in Dachs

Ich habe Glück und ergattere einige Quadratmeter Wiese direkt am Rhein. Ich nehme die Taschen ab, bereite bei weiter gutem Wetter mein Zelt für den Aufbau vor – da fragt mich meine Schweizer Nachbarin, ob ich Hunger hätte. Sie hätten noch Würstchen und Nudeln über. Ich nicke, baue in Windeseile mein Zelt auf und geselle mich dann zu meinen Nachbarn, um dort gemütlich zu Essen und ein Bierchen zu trinken. Es wird ein netter Abend, der mir wieder einmal bestätigt, dass der Aufenthalt auf dem Campingplatz mehr ist als nur eine Notwendigkeit auf einer Tour. Auch die Abende gehören zur Radtour dazu. Ich möchte sie nicht missen. Viel zu spät gehe ich nach einem schönen Abend (und einem schönen Sonnenuntergang) schlafen. Dabei habe ich am nächsten Tag die bisher längste Etappe vor mir. Ursprünglich wollte ich die Strecke Kaiseraugst – Karlsruhe in 3 Etappen fahren. Da ich aber erst einen Tag später als eigentlich geplant die Zugfahrt nach Andermatt antreten konnte, habe ich die Strecke zusammengelegt.

Sonnenblumen bei Flaach
Sonnenblumen bei Flaach
Wein bei Flaach
Wein bei Flaach

165 km liegen vor mir, als ich am Sonntagmorgen aus dem Zelt krabbele. Ich will früh los – aber der Campingplatz macht mir einen Strich durch die Rechnung. Ich kann erst um kurz vor 9 Uhr meine Rechnung bezahlen. Ich trete nun in die Pedale und lasse den schön am Rheinufer gelegenen Campingplatz zurück. Trotz der Verzögerung beim Auschecken erreiche ich noch vor 10 Uhr Basel. Ursprünglich wollte ich mir in Basel einen halben Tag Zeit nehmen. Wegen der Neuplanung der Tour habe ich nun etwa 60 Minuten Zeit.

Erfrischung in Berg am Irchel
Erfrischung in Berg am Irchel
Wasser am Brunnen auffüllen
Wasser am Brunnen auffüllen

Ich mache eine kurze Tour durch die Innenstadt, fülle am Hauptbahnhof meine Vorräte auf und genieße schließlich noch für einige Minuten den unter mir dahinfließenden Rhein. Das nächste Ziel ist die Europabrücke. Vorher überquere ich aber noch (wieder einmal) die schweizer-deutsche Grenze. Kontrollen finden wieder nicht statt. Ich schaue zurück und verabschiede mich stumm von der Schweiz. Die schweizer Etappe des Rheinradwegs habe ich nun, an der Stadtgrenze nach Weil am Rhein, hinter mir. Es war eine schöne Strecke in der Schweiz und ich werde bestimmt nochmal mit dem Fahrrad zurückkommen.

kleine Pause
kleine Pause

An der Europabrücke wenige Kilometer später, werfe ich einen kurzen Blick rüber nach Frankreich. Ich will aber auf der östlichen Rheinseite bleiben und werde wahrscheinlich nicht nach Frankreich überwechseln. Die nächsten mehrere Dutzend Kilometer sind eher langweilig. Ich fahre auf dem Rheindamm am Rhein entlang. Der Rhein macht aber eher einen stiefmütterlichen Eindruck. Wenige Meter neben dem Rhein verläuft der „Kanal von Elsaß“ – dort tobt das Leben. Okay, auf dem Radweg tobt auch das Leben. Es ist das erste Mal auf meiner Tour, dass ich regelmäßig Gegenverkehr habe. Ich komme gut voran. In der Nähe von Neuenburg am Rhein mache ich an einer Aussichtsplattform über dem Rhein kurz Pause. Die Pause soll nur kurz sein – aber ich treffe ein älteres Pärchen (Rentner), mit denen ich ins Gespräch komme. Sie sind seit 4 Monaten mit dem Fahrrad unterwegs. Frankreich – Irland. Vor Irland warnen sie mich. Schönes Land, aber die

Zelt am Campingplatz in Kaiseraugst
Zelt am Campingplatz in Kaiseraugst
Abendstimmung auf dem Campingplatz
Abendstimmung auf dem Campingplatz

Infrastruktur für Fahrräder ist dort nicht vorhanden. (Okay, ich schiebe evtl. Irland-Fahrrad-Pläne weit nach hinten.) Viel später als geplant geht es weiter. Immer zwischen dem Rhein und der A5 entlang. A5? Das wäre doch die Idee für ein Mittagessen bei dem Wetter. Ganz outdoor-ungerecht biege ich nach 60 km vom Rheindamm ab, überquere die A5 und halte an einem Autohof. Ich schaue mich um? Wo ist er? Da. Erschöpft von der Hitze schiebe ich mein Fahrrad in das Außengelände vom Fastfood-Anbieter mit dem großen, gelben Buchstaben. Frisch gestärkt fahre ich zum Rheinradweg zurück.

Fahrrad in Kaiseraugst vorm Rhein
Fahrrad in Kaiseraugst vorm Rhein

Es wird mir langsam zu heiß. Entgegen meiner üblichen Gewohnheit beim Fahrradfahren ziehe ich die lange Hose aus und fahre nur noch in der Fahrradhose. Mich kennt hier eh niemand. Schon bald erreiche ich Breisach am Rhein. Die kleine Stadt mit dem eindrucksvollen Münster, welches auf einem Hügel über dem Rheinufer liegt, wäre eigentlich mein heutiges Ziel gewesen. Wäre. Egal – ich weiß, dass ich jetzt erst die Hälfte der Tagesstrecke hinter mir habe und rolle hinter Breisach wieder auf den Rheindamm. Es wird heißer. Ich beglückwünsche mich zu meinen beiden 0,75-Fahrradflaschen, die auf der Fahrt nicht nur meinen Durst löschen, sondern mich auch oberflächlich erfrischen. Ich muss nur immer darauf achten, dass die Flaschen gefüllt sind. Daher verlasse ich nach ca. 100 km wieder einmal den Rhein und fahre ins Hinterland. Dort liegt ein Städtchen – ich finde bestimmt eine Tankstelle. Okay, das Städtchen ist ein größeres Dorf. Eine Tankstelle gibt es nicht.

Rheinbrücke bei Basel
Rheinbrücke bei Basel

Aber eine Kneipe. Ich bitte um Wasser für meine Flaschen und bestelle mir außerdem eine große Cola. Erstaunt sehe ich die Verwunderung der Bedienung. Normalerweise, so sagt sich, fragen die Radfahrer nur nach Wasser und fahren dann wieder. Weiter. Das Wetter zollt seinen Tribut, ich komme schlechter voran als geplant. Ich rufe am Campingplatz in Kehl an. Wir sind schließlich nicht in Schottland, wo man einfach abends sein Zelt aufbaut. „Rezeption ist bis 21 Uhr besetzt. Wenn es später werden sollte, melde dich einfach.“ Das ist gut. Ich fahre trotzdem relativ zügig weiter, wundere mich über die Umwege, die der Rheinradweg ab und zu beinahe grundlos macht, erkenne kurz darauf, dass die Rheinauen und die Überflutungsgebiete schon ein Grund für einen Umweg sind, trete wieder in die Pedale. Irgendwann bleibe ich an einem Kilometerstein stehen. Der Stein sagt mir, dass es bis Rotterdam noch gut 730.000 Meter sind. Ich werfe einen skeptischen Blick auf mein Handy, denn nach meiner

Strömung bei Eftringen
Strömung bei Eftringen
kleine Pause
kleine Pause

Rechnung hatte ich erst vor gut 40 km das erste Drittel abgeschlossen. Schulterzuckend schwinge ich mich wieder aufs Rad – und kopfschüttelnd steige ich 10 Minuten später wieder ab. Es ist heiß und trocken – und vor mir steht der Radweg unter Wasser. Ich suche mir ein flaches Stück, schiebe mein Fahrrad hinein, wage den ersten Schritt … und stehe mit einem Mal bis zu den Unterschenkeln im Schlamm. Schade um die trockenen Klamotten. Ich komme aber doch ans andere Ufer der Pfütze und fahre weiter. Wie immer grüße ich die Radfahrer, die mir auf den nächsten Kilometern entgegen kommen.

Rheinaue
Rheinaue

Dieses Mal ist es aber ein mitliedvolles Grüßen – ich weiß ja, dass sie in Kürze auch an der Pfütze landen. Wahrscheinlich grüßen die Radfahrer mich auch mitleidvoll, denn sie wissen, dass ich drei Kilometer später an einer Umleitung stehe. Der Rheindamm ist gesperrt. Die Umleitung führt aber nirgendwohin. Mein Blick fällt auf die Rheinfähre, die sich gerade von der französischen Rheinseite löst und herüberkommt. Kurzentschlossen fahre ich auf die Fähre. Ob dies die geplante Umleitung ist, werde ich wohl nie erfahren. Aber ich plane meine Umleitung selber und peile Straßburg an. Von dort aus sollte ich wohl Kehl auf der gegenüber liegende Rheinseite erreichen. Die Rheinfähre ist umsonst, die Strecke lässt sich gut fahren. Manchmal zu gut. Irgendwann verlasse ich kurz vor Straßburg die gut ausgebaute Straße, auf der ich seit einigen Minuten fahre, da ich mir nicht sicher bin, ob es sich um eine „Autobahn“ (oder wie immer das in Frankreich heißt – auf eine Tour durch

734 km bis Rotterdam
734 km bis Rotterdam

Frankreich hatte ich mich nicht vorbereitet) handelt. Ich kämpfe mich durch das fast menschenleere Straßburg. (Paderborn ist, was Ampeln angeht nichts dagegen. Wobei – vielleicht sollte ich die Ampeln einfach genauso ignorieren wie die nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer um mich herum.) Die Zeit sitzt mir im Nacken – es ist 20:40. Auf‘s Fotografieren verzichte ich schon seit 2 Stunden. Den Campingplatz werde ich bis 21 Uhr nicht erreichen. Telefonisch erreichbar ist der Campingplatz auch nicht. Ich spiele die Alternativen durch und sehe mich schon mit meinem Zelt am Rheinufer. Irgendwann um 20:54 überquere ich die Fußgängerbrücke, die zwischen Kehl und Straßburg den Rhein überspannt. Ich weiß ziemlich genau wo ich hin muss. Und doch muss ich den Campingplatz suchen. Ich erreiche ihn um 21:15. Die Rezeption ist zum Glück noch besetzt. Bevor der Mitarbeiter versucht die Nummern anzurufen, die in seiner Anrufliste stehen, erkläre ich ihm, dass die letzten 13 Anrufe von mir sind. Schnell baue ich nach einer 13-Stunden-Tour mein Zelt auf, hole mir in einer Tankstelle noch ein Bier und genieße es, dass ich mich wieder im heimatlichen Handy-Netz bin. Ein solches „Abenteuer“ ohne Kontakt nach zu Hause wäre nichts für mich. Da bin ich neumodisch. Abends im Zelt lasse ich den Tag Revue passieren. Es waren über 160 km, die ich heute zurückgelegt habe. Bisher war es die längste Etappe. Auch wenn ich mich nicht so erschöpft fühle – ich bin stolz auf die Strecke. Morgen geht es weiter nach Karlsruhe. Eine kurze Etappe, die mich am Ende des Tages mit einem Treffen bei einem guten Freund belohnt.